Zeichen setzen! Für gemeinsame demokratische Werte und Toleranz in einer pluralen Gesellschaft

Deutschland hat gesellschaftlich – verglichen mit anderen europäischen Nachbarn – bislang nur wenige Folgen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise zu spüren bekommen. Dennoch durchziehen unsere Gesellschaft Brüche und Gräben, die – im Fokus der medialen Aufmerksamkeit – gerade besonders sichtbar sind. Wir mögen sie als extreme Ansichten und Randerscheinungen abtun, aber wenn wir uns nicht intensiv mit den Ursachen für eine Hinwendung zu rechten und rechtspopulistischen Bewegungen auf der einen und islamistischen Gruppierungen auf der anderen Seite auseinandersetzen, werden die Polarisierungsversuche beider Seiten langfristig zur Zerreißprobe für das Miteinander in unserer pluralen Gesellschaft hier in Deutschland und inmitten einer globalisierten Welt werden.

Die aktuellen massenweisen Proteste von PEGIDA und ihren Ablegern ebenso wie – das andere Extrem – die jährliche wachsende Zahl an Sympathisantinnen und Sympathisanten islamistischer Gruppen sollten uns die Augen öffnen, dass wir einen nicht unbedeutenden Teil unserer Mitmenschen auf dem Weg der Globalisierung unserer Wirtschaft und der Pluralisierung unserer Gesellschaft nicht mitgenommen haben. Die Zukunftsängste dieser Menschen, die diese Entwicklungen als Bedrohung für ihr eigenes Leben empfinden, müssen wir ernst nehmen.

Antidemokratische Weltanschauungen, religiöser oder nationalistischer Fanatismus, die Herabwürdigung, Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen anderen Glaubens und anderer Herkunft, die Stigmatisierung einzelner Menschengruppen zu Sündenböcken für unsere gesamtgesellschaftlichen Probleme: All dies können und dürfen wir jedoch insbesondere vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte nicht unwidersprochen im Raum stehen lassen. Hier müssen wir klare Zeichen setzen – für gemeinsame demokratische Werte und für Toleranz. Dies können wir öffentlich tun, indem wir gegen die Aufmärsche von Menschen auf die Straße gehen, die nicht unser Bild von Deutschland präsentieren. Langfristig müssen wir uns jedoch intensiv den Ursachen widmen, die Menschen zu extremen Ansichten treiben, welche die vermeintlich „eigene“ Gruppe über „andere“ Gruppen stellen.

Logo des Projekts "Zeichen setzen!"Als Migrantenselbstorganisation hat die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) bereits von 2010 bis 2013 im Rahmen ihres Projekts „Zeichen setzen! Für gemeinsame demokratische Werte und Toleranz bei Zuwanderinnen und Zuwanderern“ Pionierarbeit u.a. auch mit Blick auf rechte und islamistische Tendenzen unter Migrantinnen und Migranten geleistet. Als Hintergründe für ultrarechte, salafistische, antiziganistische und antisemitische Denkmuster identifizierte sie oftmals Empfindungen und Erfahrungen, selbst nicht teilhaben zu können, keine Chance auf Ausbildung oder Arbeit zu haben, mit der eigenen Kultur und Individualität nicht Teil dieser Gesellschaft zu sein. Wer zurückbleibt und dauerhaft keine Chance auf Besserung für seine persönliche Situation sieht, wendet sich Bewegungen zu, die scheinbar einfache Antworten und klare Strukturen bieten, in denen man sich leicht zurecht- und, vor allen Dingen, wiederfindet.

Hier müssen wir in der Zivilgesellschaft, in der Politik, in den Medien und in der Wirtschaft ansetzen: Wir müssen nicht länger nur darüber sprechen, ob alle Menschen gleiche Teilhabe- und Aufstiegsmöglichkeiten haben, sondern wir müssen uns gezielt und gemeinsam dafür einsetzen, dass dies Wirklichkeit wird. Die Handreichung „Zeichen setzen!“ der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) vermittelt erste Ansatzpunkte, wie wir als Gesellschaft interkulturell sensibler werden können und gibt Informationen darüber, wie extreme Gruppierungen arbeiten und argumentieren, um Menschen für ihre Gesinnung zu gewinnen.

Diese Arbeit an der Basis – mit Jugendlichen und mit Erwachsenen –, die sich als Verliererinnen und Verlierer unserer ständig im Umbruch befindlichen Gesellschaft empfinden, muss Ausgangspunkt dafür sein, dass wir die Brüche und Gräben in unserer Gesellschaft angehen. Nur so werden wir langfristig den Polarisierungsversuchen von Fanatikerinnen und Fanatiker – gleich welcher Ausrichtung – und populistischen Argumentationen und Stammtischparolen die Attraktivität entziehen können, während wir gleichzeitig den subjektiven Ängsten vor einem Identitätsverlust oder davor, wirtschaftlich und gesellschaftlich abgehängt zu werden, ein offenes Ohr schenken.

Daher sagen wir „Wehret den Anfängen!“: den Anfängen von Parolen, die Verachtung für andere Glaubens- und Denkweisen schüren, ebenso wie den anfänglichen Ursachen für eine Hinwendung zu diesen verurteilenden und ausgrenzenden Ideen, die den Blick mehr auf die Herkunft oder die Religion als auf den Menschen selbst richten.

Deutschland ist so bunt geworden, weil unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung es uns zugesteht, dass wir uns individuell so entfalten, wie wir es möchten. Damit dies für wirklich alle Menschen hier nicht nur Buchstaben auf einem Blatt Papier sind, sondern Realität wird, sollten wir nicht nur in der Öffentlichkeit Zeichen setzen für eine offene, plurale, demokratische und tolerante Gesellschaft, sondern auch noch weitaus stärker als bislang in unserer täglichen Arbeit und unserem täglichen Miteinander Zeichen setzen für gleiche Teilhabe- und Aufstiegschancen – für alle Menschen und in allen Regionen Deutschlands.

Für Fragen:
Melek Yıldız (stellv. Generalsekretärin)
E-Mail: melek.yildiz@alevi.com