Pressemitteilung: 25. Jahrestag des Sivas Pogroms vom 02.07.1993 – Unvergessen und Ungesühnt

Im Jahre 1993 kamen Hunderte Menschen zu einem Kulturfestival in Sivas zu Ehren des alevitischen Dichters Pir Sultan Abdal zusammen. Gemeinsam wollten sie ihren geschätzten Dichter feiern und sich seiner Werke erfreuen, doch der Tag endete in Trauer und Entsetzen.

Während Kulturbegeisterte und -schaffende im Madımak-Hotel, vorwiegend alevitischen Glaubens, feierten, versammelte sich vor dem Hotel eine religiös und nationalistisch aufgewiegelte Menge. Bewaffnet mit Brandsätzen griffen sie das Hotel an, dessen Holzkonstruktion in Minutenschnelle in Flammen aufging. 33 Besucher des Kulturfestivals starben ebenso wie zwei Hotelangestellte und zwei Täter. Zahlreiche Menschen trugen schwere Verletzungen davon. Sie konnten sich nicht aus dem brennenden Gebäude retten, weil ein wütender Mob ihnen den Weg versperrte. Obwohl Polizei, Militär und Feuerwehr alarmiert waren, griffen sie erst Stunden später ein. Die Ereignisse wurden über Stunden live im Staatsfernsehen übertragen.

Kein Täter wurde rechtskräftig verurteilt. Stattdessen gelang einigen die Flucht ins europäische Ausland. Heute leben sie – auch in Deutschland – unbehelligt als Illegale, Familiennachzügler, anerkannte Flüchtlinge, deutsche Staatsbürger. Sie bauten sich im Exil erfolgreich ein neues Leben auf, während die Hinterbliebenen der Opfer zum Teil mit Armut zu kämpfen haben, weil sie ihre Väter, Mütter und Familienangehörige verloren haben.

Bis heute gibt es keine Gedenk- und Erinnerungskultur, die die Leiden der Betroffenen und Hinterbliebenen des Sivas Pogroms anerkennt und die Geschehnisse aufarbeitet.

Stattdessen müssen wir in der Türkei leider Rückschritte beobachten. So ist die Anzahl der Übergriffe und Repressionen gegen ethnische Minderheiten und Oppositionelle in der Türkei in den letzten Jahren angestiegen. Erst im März diesen Jahres wurden in der Stadt Erzincan 16 Mitglieder des alevitischen „Pir Sultan Abdal Kulturvereins“ (PSKAD) verhaftet. Die mündliche Verhandlung am 26.06.2018 in dem Strafverfahren gegen einige der Täter des Sivas Pogroms dauerte keine zwei Minuten und es wurde ein neuer Verhandlungstermin anberaumt. Wie schon in den früheren Strafverfahren gegen andere Täter des Sivas Pogroms ist offensichtlich beabsichtigt, die Tat für verjährt zu erklären und die Täter ungesühnt davonkommen zu lassen. Unmittelbar nach der Verkündung der Wahlergebnisse in der Türkei haben einige Erdogan-Anhänger nicht nur seinen Sieg auf den Straßen gefeiert, sondern hierbei auch Andersdenkende bedroht. Auch in deutschen Städten kam es zu Provokationen und Bedrohungen vor Cemhäusern, so z. B. in Remscheid und Marl.
Mehr denn je müssen wir heute gemeinsam für ein friedliches Miteinander kämpfen und deutliche Signale für Gerechtigkeit und Menschlichkeit setzen. Hierzu ist zwingend die Etablierung einer Gedenk- und Erinnerungskultur erforderlich, die nationalistische und religiös-fanatische Gewalttaten aufarbeitet. Auch Deutschland muss – noch viel mehr, bedenkt man seine Geschichte – in seinen Beziehungen zur Republik Türkei und im Umgang mit seinen türkeistämmigen Mitbürgern die Gewalttaten und Diskriminierungen gegen Minderheiten anmahnen. Die Leiden der Opfer so vieler Pogrome und Ausschreitungen gegen religiöse und ethnische Minderheiten in der Türkei müssen anerkannt werden! Orte wie das Madımak-Hotel in Sivas müssen zu nationalen Gedenkstätten umgewandelt werden! Die Täter müssen konsequent verfolgt und verurteilt werden! Alles andere bedeutet, diese Taten gutzuheißen und zu billigen.

Kontakt für Fragen und weitere Informationen:

Alevitische Gemeinde Deutschland e.V.
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