Partizipation – Gleichbehandlung – Inklusion

Mit diesem Dreiklang stellt sich die AABF den Herausforderungen eines grundlegenden und weitreichenden Wandels hin zu einer inklusiven Gesellschaft in Deutschland, der auf absehbare Zeit uns alle bewegen wird.

Denn Inklusion ist nicht nur Ausdruck einer Vision von einer Gesellschaft, die es in Anerkennung der Gleichheit und Verschiedenheit der Menschen erst gar nicht zu Ausgrenzung kommen lässt, sondern ein Menschenrecht, das selbstverständlich für Alle gilt. Im Unterschied zu „Integration“ will „Inklusion“ die Überwindung und Veränderung bestehender Strukturen und Auffassungen dahingehend, dass die Heterogenität der Menschen zur Normalität wird. Sie fordert das Einbeziehen aller Menschen unabhängig von ihrer tatsächlichen und/oder angenommenen ethnischen Herkunft, Religion, Behinderung, Alter, sexuelle Identität etc. als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und eben nicht das Einbezogen-Werden als „neues“ Mitglied in die Gesellschaft.

Zu Recht werden in der öffentlichen Debatte Fehlleistungen und falsche Prioritätensetzung der politisch Verantwortlichen aller Regierungen beklagt.

Zu Recht müssen in der gegenwärtigen Migrations- und Integrationspolitik Illusionen aufgebrochen werden. Niemand bestreitet diese Tatsache mehr. Nur geht es in dieser Debatte weniger um Milde oder Härte, sondern vielmehr darum, diese gründlich, präzise und mit aller Klarheit zu führen.

Entscheidend ist, dass wir alle ein aufrichtiges Interesse daran haben, uns als eine Gesellschaft zu begreifen. Dabei spielt – ganz im Sinne des vielfach zitierten Böckenförde-Diktums „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ – die politische Kultur eine essentielle Rolle. Wahlkampfauftritte demokratischer Parteien, bei der soziale und gesellschaftspolitische Problematiken, die die Gesamtgesellschaft als Ganzes betreffen, ethnisiert werden, schaden ebenso wie die Auftritte des Ministerpräsidenten der Republik Türkei in Köln und jüngst in Düsseldorf. Beides verhindert, dass Migrantinnen und Migranten ihre „Antennen“ nach Berlin und in die Landeshauptstädte ausrichten. Doch genau das müssen sie tun, um diese eine Gesellschaft zu begründen, innerhalb derer wir Alle leben wollen.

Für Deutschland ergibt sich aus verschiedenen internationalen und europarechtlichen Abkommen die Verpflichtung, eine Politik zur Beseitigung jeglicher Form von Diskriminierung und zur Verwirklichung gleichberechtigter Teilhabe Aller zu verfolgen. Ein erster dennoch wesentlicher Schritt zur Realisierung dieser Politik ist die Etablierung einer Willkommens- und Anerkennungskultur.

Deutschland ist nicht nur ein Einwanderungsland, sondern auch geprägt von einer großen Vielfalt – eine nicht wegdiskutierbare Realität und Normalität. Wir alle (er-)leben Diversität in unserem persönlichen und beruflichen Alltag schon lange. Jetzt müssen wir beginnen, die Dimensionen dieser Heterogenität zusammenzudenken und auch politisch und gesellschaftlich zu nutzen. Dazu leistet eine Willkommens- und Anerkennungskultur einen wichtigen Beitrag und gelingt nur, wenn sich Migrantinnen und Migranten mit Deutschland identifizieren. Identifikation wiederum gelingt nur durch Chancengleichheit, Anerkennung und gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft.

Doch diese Haltung kann weniger politisch oder rechtlich verordnet, sondern muss vielmehr vorgelebt und gefördert werden. Sie ist eine Querschnittsstragie, die den Blick auf die Gesamtgesellschaft richtet, gesellschaftliche Machtstrukturen analysiert und die damit verbundenen Privilegien sowie die ungleiche Verteilung und Zuweisung von Ressourcen thematisiert. In gleicher Weise rückt diese Haltung den Menschen in den Mittelpunkt; signalisiert und praktiziert damit eine klare Verschiebung weg von der zugeschriebenen

Gruppenmitgliedschaft und/oder kollektiver Mentalität einer Person („Türke“, „Kurde“, „Araber“, „Moslem“ etc.). Sie lässt nicht zu, dass sowohl neu Ankommende als auch bereits hier Lebende Ent-Individualisiert werden, sondern begreift sie mit ihren Potentialen als wichtige Ressource für unsere gemeinsame gesellschaftliche Entwicklung.

Erst jüngst sorgte Sarrazin mit seinen Theorien von Abstammung und Vererbung, die unbestritten jenseits des menschenrechtlich Zulässigen und des unveränderlichen Kerns des Grundgesetzes liegen, für Aufregung, aber nicht für kluge Debatten.

Seiten: 1 2 3