Alevitische Geschichte

Chronologie zur Geschichte der Alevitinnen und Aleviten
(Zusammenstellung von Seydi Koparan)

Bei dieser Chronologie handelt es sich um eine innerislamische Histografie. Da über das Alevitentum und über Alevitinnen und Aleviten keine hinreichenden schriftlichen Überlieferungen und histografische Darstellungen existieren, wurde hier eine Verortung in der islamischen Welt vorgenommen. Es ist dem Verfasser dieser Aufstellung bewusst, dass dieser Versuch nicht unumstritten ist. Dies ist im Hinblick auf die Bestimmung der Herkunft des Alevitentums besonders problematisch. Des Weiteren beansprucht die Zeittafel keine Vollständigkeit. Die Eigennamen sind größtenteils in einer eingedeutschten Form wieder gegeben worden.

622
Flucht des Propheten Mohammed (geb. 570 in Mekka) nach Medina. Dieser Zeitpunkt ist das offiziell anerkannte Datum für die „Gründung“ des Islam und gleichzeitig Beginn der islamischen Zeitrechnung.

656-661
Kalifat Alis: Ali ist ein Vetter des Propheten und mit dessen Tochter Fatima verheiratet. Nach seiner Ermordung im Jahr 661 vollzieht sich die Spaltung des islamischen Glaubenssystems in ein schiitisches und ein sunnitisches Bekenntnis. Alevitinnen und Aleviten verstehen sich als Anhänger Alis, die die drei so genannten „rechtgeleiteten“ Kalifen vor ihm nicht anerkennen und nur in ihm den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten Mohammed sehen.

661
Die Omaiyaden übernehmen nach dem Tod Alis die Herrschaft und somit auch das Kalifat.

680
Hüseyin, der jüngste Sohn Alis und Dritte der zwölf Imame, stirbt bei Karbala (im heutigen Irak). Dieses Ereignis hat sich wie kaum ein anderes in das alevitische Bewusstsein eingegraben. Ist hier doch ein Nachfahre Alis und des Propheten zugleich zu Tode gekommen, der gegen die Feinde der Lehre und seiner Väter zu Felde gezogen war. Dem Martyrium Hüseyins wird in den alevitischen Cem- Gottesdiensten Rechnung getragen.

 

922
Der Mystiker Halladsch Mansur wird in Bagdad hingerichtet. Sein Ausspruch „Ene´l Hak“ – zu Deutsch etwa „Ich bin die (absolute) Wahrheit“ wurde ihm zum Verhängnis, da er als „Ich bin Gott“ gedeutet wurde, zählt doch Hakk (Arabisch u. a. „Wahrheit“) zu den zahlreichen Namen Gottes. Was für Mansurs Gegner Grund zur Hinrichtung wegen Blasphemie war, ist für Alevitinnen und Aleviten das Resultat eines Prozesses, den die/der wahre Gläubige durchlaufen muss, um durch eine unio mystica zur „absoluten Wahrheit“ zu gelangen. Somit ist dieser Ausspruch keineswegs anmaßend oder gar gotteslästerlich. Welche Bedeutung Alevitinnen und Aleviten Halladsch Mansur und seiner Lehre beimessen, ist daran zu erkennen, dass innerhalb des „Cem“ das so genannte „Dar-ı Mansur“ eingerichtet ist – eine, wenn man so will, rechtsprechende Instanz. Hier müssen Gläubige, die sich etwas haben zu Schulden kommen lassen, in gebeugter Haltung Rechenschaft vor versammelter Gemeinde ablegen und eine angemessene Sanktion entgegennehmen.

1037
Der berühmte Philosoph Avicenna (Ibni Sina, geb. 980) stirbt in Hamadan. Avicenna stammte wie Hacı Bektaş Veli aus Chorasan. Er gehörte zu den typischen Vertretern jener islamisch-sufistischen Philosophie, die das klassische griechische Denken im Lichte der späteren hellenistischen Umarbeitung gedeutet hat. Das Denken Avicennas war für die Gefolgsleute des heiligen Augustinus, die im Neuplatonismus die Grundlage für eine neue christliche Philosophie entdeckt hatten, höchst attraktiv. Selbst die großen Philosophen des 13. Jahrhunderts, wie Wilhelm von Auvergne, Bonaventura, Robert Grosseteste und Roger Bacon, die den Augustinismus vertraten, beeinflusste er. Auf seine Idee trifft man sogar bei Philosophen wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Johannes Duns Scotus.

1071
Der Seldschukische Sultan Alparslan besiegt beim heutigen Mantzikert den byzantinischen Kaiser Diogenes Romanos IV. Dies öffnet die byzantinischen Grenzen für turkmenische Stämme, die nun aus der nordiranischen Provinz Chorasan nach Anatolien strömen und alevitische Gedankengut mitbringen.

1240
Revolte des Volkpredigers Baba Ishak in Anatolien. Dieser Aufstand ist – mit einer Reihe weiterer – für das alevitische Selbstverständnis von Bedeutung, da er sich gegen die staatliche Obrigkeit richtet und die politischen und sozialen Missstände anprangert, wurde der alevitische Glaube doch zu keiner Zeit von staatlich autorisierten Stellen anerkannt.

1252
Schah Safiyettin (Safi ad-Din) kommt auf die Welt. Er gründete den Ardabil-Derwischorden (Südufer des Kaspischen Meeres), der über Jahrhunderte hinweg großen Einfluss auf die anatolischen Alevitinnen und Aleviten ausübte.

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