Erinnerung – Gedenken – Verantwortung

In Erinnerung an die Opfer der zum Teil staatlich organisierten und/oder geduldeten Verbrechen an Alevitinnen und Aleviten pflegt die AABF mit ihrem fortdauernden Engagement für die „Vergegenwärtigung des Vergangenen“ öffentlich das Andenken. Sie setzt ein Zeichen gegen das Vergessen, gegen die Relativierung und Verharmlosung von (staatlichen) Gewaltverbrechen, gegen das Fortbestehen rechter, nationalistischer und islamistischer Ideologien und Aktivitäten im Alltag und in der Gesellschaft.

Im Zeitraum von März 1937 bis September 1938 wurden in Dersim während einer Strafexpedition der türkischen Armee über 70.000 Menschen massakriert. Viele Überlebende wurden zwangsumgesiedelt. Noch bis ins Jahr 1994 vertrieb die türkische Regierung Menschen aus dieser Region. Dersim war das letzte autonome Gebiet der kurdischen Gemeinschaft in der Türkei. Die aufständische kurdisch-alevitische Bevölkerung sollte entwaffnet und „türkisiert“ werden. Auch sollte der ursprüngliche Name der Stadt Dersim (wörtlich übersetzt: „Silbernes Tor“) nicht mehr auf der Landkarte zu finden sein. Heute heißt die Region Tunceli (wörtlich übersetzt: „Eiserne Faust“). Die türkische Administration bestreitet bis dato, dass es den Genozid an den Einwohnerinnen und Einwohnern Dersims gegeben hat.

Maraş ist eine südostanatolische Großstadt, in der 1978 ein staatlich geduldetes und organisiertes Massaker an Alevitinnen und Aleviten begangen wurde. Bei diesem Pogrom, das mehrere Tage andauerte, verloren Hunderte von Menschen grausam ihr Leben. 80% der alevitischen Bevölkerung verließ für immer die Stadt Maraş. Die Hintergründe dieses Massakers an Alevitinnen und Aleviten sind bis heute nicht aufgeklärt worden.

Die erst nach 32 Jahren das erste Mal am 19.12.2010 in Maraş stattgefundene Gedenkfeier wurde durch gewalttätige Übergriffe von Mitgliedern der rechtsextremen MHP (Nationalistische Volkspartei) und BBP (Große Einheitspartei) sowie islamistischen Fanatikern massiv attackiert. In unmittelbarer Nähe der Gedenkveranstaltung hatte sich eine Gruppe von 500 türkischen Rechtsextremisten und islamischen Fanatikern zu einer unangemeldeten Gegendemonstration versammelt. Mit lauter Musik, dem sog. „Wolfsgruß“ sowie dem Ruf „Allah‘u akbar“ („Allah ist groß“) versuchten sie massiv, die friedlich Demonstrierenden einzuschüchtern. Anstatt die Gegenveranstaltung aufzulösen, drängte die türkische Polizei die alevitische Delegation zur Auflösung. Die AABF verurteilt auf das Schärfste das Vorgehen der türkischen Polizei an diesem Tag der tiefen Trauer und der Erinnerung an die Opfer der Pogrome an Angehörigen der alevitischen Gemeinschaft. Dieses Ereignis hat bedauerlicherweise erneut gezeigt, dass so ein Pogrom in der heutigen Türkei jederzeit wieder möglich ist.

Am 02.07.1993 kamen in Sivas im Rahmen eines Kulturfestivals zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal 35 Menschen, darunter Kultur-, Musik- und Literaturschaffende alevitischen Glaubens ums Leben. Eine religiös fanatische und aufgebrachte Menschenmenge umzingelte den Austragungsort des Kulturfestivals – das Madımak Hotel in Sivas – und warf Brandsätze gegen das Hotel. Dabei verbrannten 35 Menschen. Obwohl Polizei und Rettungskräfte sofort alarmiert wurden, griffen sie erst Stunden später ein.

Für diese Verbrechen und weiteren, zum Teil staatlich organisierten Pogromen an Alevitinnen und Aleviten – 1938/39 in Dersim, 1978 in Maraş, 1980 in Çorum, 1993 in Madımak (Sivas) und 1995 in Gazi – übernimmt die Türkei bis heute keine Verantwortung. Insbesondere vor dem Hintergrund der eigenen Verfolgung und der an Alevitinnen und Aleviten verübten Verbrechen hat die AABF seit ihrem Bestehen zu keiner Zeit Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie demütigen Respekt und tiefes Mitgefühl für die Opfer der Gewaltverbrechen an religiösen, kulturellen und ethnischen Gemeinschaften aus der Türkei und ihren Angehörigen hat. Auch in Zukunft werden wir keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass wir als Bundesverband diese Gewaltverbrechen als historische Tatsache anerkennen, weder eine Relativierung noch Verharmlosung dulden werden.

Für das Gelingen einer erfolgreichen Integration ist es unabdingbar, dass wir Migrantinnen und Migranten uns auch – oder gerade – in die deutsche Gedenk- und Erinnerungskultur integrieren. Das bedeutet zu einem, dass auch wir Migrantinnen und Migranten historische Verantwortung für die jüngste Geschichte Deutschlands übernehmen müssen. Auf der anderen Seite wollen und müssen wir auch die Übernahme von historischer Verantwortung für staatliche Gewaltverbrechen in unseren Herkunftsländern verlangen. Denn wir haben unsere Erfahrung und Erinnerungen keineswegs an der Grenze abgegeben, sondern tragen sie in uns. Auch wir wollen erinnern und gedenken, so wie wir es in Deutschland zu schätzen gelernt haben.

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