Alevitischer Kalender

 

5/6. Mai: Tag des Hızır Ilyas (Hıdırellez)

Nach der Sage treffen sich Hızır (Schutzengel des Landes) und Ilyas (Schutzengel des Meeres) in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai auf der Erde. In dieser Nacht werden Himmel und Erde eins und die Kraft der Schöpfung offenbart sich. Man glaubt, dass Hızır und Ilyas das so genannte Wasser zur Ewigkeit (Abu Hayat) tranken. Aus diesem Glaube heraus bitten viele Menschen an diesem Tag Gott um Gesundheit und Genesung. Am 6. Mai werden verschiedene Teigwaren gebacken und verteilt.

 

2. Juli: Andacht an Sivas- Massaker (02.Juli 1993)

Anlässlich eines Kulturfestivals am 2. Juli 1993 zum Gedenken an den alevitischen Gelehrten und Dichter Pir Sultan Abdal, der Ende des 16 Jh. hingerichtet wurde, kamen in Sivas zahlreiche Dichter, Künstler, Schriftsteller, Intelektuelle und Gelehrte zusammen. Ahnungslos von dem, was sie erwartet, nahmen sie an den Festlichkeiten teil.

Islamische Fundamentalisten und Ultranationalisten stürmten zu den Orten, an denen die Festlichkeiten stattfanden. Das Hotel Madımak wurde in Anwesenheit untätiger Sicherheitskräfte von Tausenden Scharia- Anhängern angegriffen und in Brand gesetzt. Insgesamt 35 Menschen kamen in den Flammen ums Leben. Dieses Massaker wurde von einigen türkischen staatlichen Vertretern sogar als eine berechtigte Reaktion verteidigt.

Diese Tragödie hinterlässt eine tiefe Wunde in der Geschichte der Menschheit.

In der deutschen Gesellschaft, in der viele Glaubensgemeinschaften gemeinsam und gleichberechtigt zusammenleben, ist die Aufarbeitung des Massakers in Sivas auf der demokratischen Grundlage zwingend notwendig. Das gemeinsame Ziel aller demokratischen Menschen – egal welcher Konfession – sollte darin bestehen, den Nährboden für jeglichen Fundamentalismus zu nehmen.

Alevitinnen und Aleviten sind davon überzeugt, dass das Massaker in Sivas nicht nur ein gegen Angehörige alevitischen Glaubens gerichtetes Verbrechen war, sondern ein Verbrechen gegen die Demokratie und die Menschheit. Aus dieser Überzeugung heraus darf dieser Massaker nicht vergessen werden.

Jedes Jahr gedenken Alevitinnen und Aleviten an die Opfer des Massakers von Sivas, indem sie Veranstaltungen und religiöse Andachtzeremonien organisieren.

 

16. – 18. August: Feier zur Andacht von Hacı Bektaş Veli

Diese Feier findet jedes Jahr vom 16. – 18. August in der Stadt Hacıbektaş, 100 km südlich von Ankara im Kontext verschiedener kultureller Veranstaltungen statt (z.B. Vorträge, Konzerte, religiöse Zeremonien (Cem-Gottesdienst) und Semah-Rituale).

Hacı Bektaş Veli war der Gründer des anatolischen Alevitentums. Das Wort „Bektaşi“ leitet sich von seinem Namen ab. Er ist nach der Überlieferung im Jahre 1209 in Khorasan bei Nischapur (im Iran) geboren und stammt aus der Familie vom Mohammed- Ali (Evlad-ı Resul) in der 17. Generation ab. Er soll in Turkistan von Hoca Ahmet Yesevi unterrichtet worden sein. Dadurch kam Hacı Bektaş Veli mit der islamischen Mystik in Berührung. Hacı Bektaş soll durch Lokman Perende, einem Gefolgsmann von Ahmet Yesevi, beauftragt worden sein, das mystische Gedankengut, unabhängig von ihrer Abstammung, in Anatolien zu verbreiten. Durch seine Toleranz, Menschenliebe, Weisheit und Wunderkraft fand sein Ordenshaus einen regen Zulauf bei der Bevölkerung in Anatolien, die durch die damaligen seldschukischen Herrscher und Feldherren unterdrückt wurden. Hacı Bektaş war der Erlöser dieser unterdrückten und verfolgten Gruppen in Anatolien. Seine Lehre bot Armen Solidarität und Zusammenhalt und war mit der einfachen Lebensweise der armen Bevölkerung gut zu vereinbaren.

Einige seiner Sprüche sind folgende:

• Betet nicht mit den Knien, sondern mit den Herzen.

• Das wichtigste Buch, das zu lesen ist, ist der Mensch.

• Glück ist, wer die Gedankenfinsternis erhellt.

• Was du suchst, suche es in dir selbst.

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